| Noch
immer: Antigone. Ungeheuer
ist viel / und nichts ungeheurer als der Mensch, lässt Sophokles in seiner Tragödie
den Chor sagen. Und er führt uns einen Konflikt vor, in dem das Ungeheure sich
niederschlägt in der Unerbittlichkeit einer Staatsmacht, die die traditionellen
Verpflichtungen gegenüber Verwandten nicht mehr achtet. Kreon, der König ist, erhebt die
Staatsmacht über das Gesetz der Götter. Das Unglück, das er damit beschwört, trifft
auch ihn selbst und in Sophokles´ Stück trägt er schwer an der Erkenntnis seiner
Schuld. Anouilh, dessen Fassung der Antigone während der NS-Besatzungszeit in Frankreich
verfasst und uraufgeführt wurde, spinnt das Ungeheure weiter, holt es in unsere Zeit
herein. Antigone beruft sich nicht mehr auf die Götter bei ihrem Tun und Kreon, ganz
moderner Staatsmann, wendet sich angesichts des ungeheuerlichen Ausgangs seiner
Machtdemonstration den Staatsgeschäften zu. Wieder verliert Antigone: den Streit mit dem
mächtigen Mann und damit das Leben. Und irgendwie gewinnt sie trotzdem noch immer: Indem
sie zum Zeichen für den Widerstand gegen Anpassung und uneinsichtiges Gesetz wird.
Anouilhs Antigone ist ein junges
Mädchen, das nicht bereit ist, sich zu unterwerfen. Ihre Gefühle für das, was ihr
wichtig ist im Leben, leiten ihr Handeln. Politisches Taktieren, politische
Machtdemonstration können sie nicht beeindrucken. Wie anziehend und furchteinflößend
ihre Konsequenz ist! Hier gibt es keine Zähmung der Widerspenstigkeit, kein Überzeugen
durch gute Argumente. |
Die individuelle Inanspruchnahme des Widerstandes fordert die
Mächtigen heraus. Und je nach Art der Staatsmacht schlagen diese zurück: mit
Hinrichtung, mit Gefängnisstrafe, mit Verleumdung, mit Verachtung, mit dem Vorwurf der
Uneinsichtigkeit in notwendige gemeinsame Ziele. Kreon ist und bleibt der Vertreter dieser
Menschen, die ein höheres Ziel behaupten, um die eigene Position nicht überdenken und
revidieren zu müssen. Antigone tritt ihm entgegen mit der Macht der Freiheit.
Bei der Beschäftigung mit diesem
vielschichtigen Stoff erfüllte auch mich oft Widerstand: Denn alles drängte mich dazu,
endlich Antigone gewinnen zu lassen indem Kreon die Freiheit des Menschen zu
schätzen lernt und Abstand nimmt von der Macht um der Macht willen. Wenn er es schaffte,
diese Leistung zu erbringen, dann wäre Antigones Leben gerettet und er auch. Denn
das ist Anouilhs Verführung: Weil er Kreon argumentieren lässt und seine Begründungen
da und dort überzeugend sind, während Antigone außer ihrem Trotz gegen die eine,
willkürliche Bestimmung des Regimes kein Argument einsetzt, verlockt er uns zu glauben,
dass Kreon mehr Potential hat, sich selbst und die Welt zu verbessern. Antigone gibt nicht
nach in dem Streit; sie verliert das Leben und ihr moralischer Gewinn ergibt sich
ausschließlich aus dem Zeichen, zu dem sie selbst geworden ist. Gäbe sie nach, wäre sie
zwar keine moralische Siegerin, aber wenigstens am Leben. Gäbe aber Kreon nach, wäre er
moralischer Sieger und die Welt eine bessere. So möchte ich das Stück sehen: Als Beweis
dafür, dass niemals Kreon zu Antigones Retter werden konnte, sondern immer nur Antigone
zu seiner Retterin. |