| TAROT
SUITE. Ein Episodenroman. Ein Roman, der fünf UrheberInnen hat? Das ist allerdings ein
ungewöhnliches Projekt und überraschenderweise überzeugt es auch. Das
Gundkonzept, daß die fünf befreundeten AutorInnen nach dem Ziehen von Startnummern, die
die Reihenfolge des Schreibens festlegten, aus den verdeckten Großen Arkanen des Tarot
Themenkarten zogen und nun nicht nur die so vorgegebenen Themen zu bearbeiten hatten,
sondern auch aufeinander Bezug nehmen mußten, ist an sich schon originell genug. Wie
verflochten und mit wie vielen Motiven die fünf Kapitel ineinander verschränkt sind, das
zeigt allerdings die Sorgfalt und intensive Arbeit, die hinter diesem Buch stecken.
Nicht fünf
Erzählungen von fünf verschiedenen AutorInnen sind wie in einer Anthologie hier
versammelt, sondern ein Gesamtwerk in fünf Kapiteln ist entstanden. Zwar könnten
einzelne Kapitel auch voneinander unabhängig existieren, zusammen aber ergeben sie eben
mehr als nur eine Aneinanderreihung. Allein dieses Aufgehen eines komplexen Konstruktes
macht das Buch schon lesenswert. Aber dazu kommen dann doch noch die fünf
unterschiedlichen Stile und auch Denkwelten der AutorInnen.
Friedl,
dessen Erzählung Behlohlaveks Geheimnis letztes Jahr bereits sein
psychologisches Einfühlungsvermögen in die Existenz der Landbevölkerung bewiesen hat,
legt mit der Geschichte eines Selbstmordes unter der Oberhoheit Die
Gerechtigkeit eine hohe Latte auf. Norbert Silberbauer, Startnummer 2 unter der
Flagge des Eremiten, greift aus dem aufgelegten Fächer die Feder des
Enkelsohnes der Selbstmörderin heraus und zeichnet mit dem ihm eigenen (auch schwarzen)
Humor die Krise eines unentschlossenen Menschen. |
Mit Der Tod hat
Margit Hahn eine Karte gezogen, die für viele ihrer Kurzgeschichten paßt. Sie beleuchtet
die Geschichte von Silberbauers Protagonisten mit ihrem knappen, stakkatoartigen und
lapidaren Stil aus der Sicht der Exfreundin aggressiv und voll trockenem Humor.
Barbara
Neuwirth begleitet unter dem Zeichen Der Wagen die Enkeltochter der
Selbstmörderin und Schwester von Silberbauers Helden auf ihrem Weg der ständigen Flucht
vor sich selbst bis zum italienischen Grossetto und dem Tarotgarten der Künstlerin Niki
de St. Phalle. Typisch für Neuwirth entwickelt sich schnell eine geheimnisvolle
Atmosphäre, die voll Zartheit und Flüchtigkeit ist. Heinz Janisch schließlich läßt
die Beziehung, die sich aus der Begegnung von Neuwirths Heldin im Tarotgarten ergeben
könnte, scheitern. Und er endet unter Verwendung der Karte Die Mäßigung mit
der Erfahrung des Todes einer nahen Person und dem versöhnlichen Ansatz, daß manches
Ende keine Endgültigkeit in sich trägt. Dieses letzte Kapitel, das stark auf Dialogen
aufbaut, ist von großer Ruhe getragen und ein sanfter Abschluß eines
Soziodiagrammes eines Familie, das auf fünf unterschiedlichen literarischen
Handschriften aufbaut.
Ein
spannendes und gelungenes literarisches Projekt, das als ein Beispiel dafür dienen kann,
wie SchriftstellerInnen die Einsamkeit des Berufes verlassen und die je eigenen
Qualitäten des Schreibens für die Kreation einer gemeinsamen Welt verwenden können.
Petra Altmann
(Rezension aus: Podium
123/124, April 2002: 141f.)
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