Labyrint: Barbara
Neuwirths dunkler Fluß des Lebens
Von Kika Meeks Bomer1. Das
Labyrinth als vieldeutige Form
Das Labyrinths hat in europäischen Kulturen zahlreiche Bedeutungen; es formt die
Struktur des Himmels, aber auch des Gehirns, es kann das Satanische oder das Heilige
verstecken, es bedeutet Suche nach Wissen, Weisheit oder Heiligkeit, die verschlingende
Mutter oder das sanfte Gebären des Schlafes, es kann ein Gefängnis oder Widerspiegelung
göttlich inspirierter Kreativität sein. Das Knossos-Labyrinth in Kreta hat eine
Geschichte des Mysteriums, eine labyrinthale Kombination von Mythen und Tatsachen, wo die
Grenze des einen im anderen verloren geht.
Über seine Funktion, ob Palast, Begräbnisplatz oder Tempel, ist man sich heute noch
nicht einig. In seinem Zentrum war der Minotaurus gefangen, halb Stier, halb Mensch. Das
ägyptische Labyrinth enthielt in seinem Zentrum die einbalsamierten Leichen von zwölf
Königen, Schätze und die Gräber von heiligen Krokodilen. Englands König Heinrich II
entwarf im 12. Jahrhundert ein kompliziertes Labyrinth, um seine Geliebte Rosamund zu
verstecken. Aus dem Mittelalter finden sich christliche Talare mit
Labyrinthendarstellungen. Es gibt zwei verschiedene Arten von Labyrinthen: einbahnige und
vielbahnige. Das einbahnige Labyrinth wird häufig in der Kunst dargestellt und hat einen
weitläufigen Weg zum Zentrum ohne viele Nebenwege. Das vielbahnige hingegen hat viele
Wege, die den Protagonisten irreführen, der Führer ist in diesem Fall das Individuum
nicht die Struktur.
Jedes Labyrinth hat eine doppelte Perspektive, und aus der Perspektive innerhalb der
Struktur leidet der Mensch an Verwirrung. Die Sicht ist begrenzt, die Pfade sind schmal
und verworren. Vom oben kann man jedoch das ganze Muster und die komplexe, künstlerische
Struktur sehen und begreifen. In dem Buch "The Idea of the Labyrinth" schreibt
Penelope Reed Doob über die innere Ambiguität der labyrinthischen Struktur: "Was
man sieht hängt davon ab, wo man steht, und deshalb sind Labyrinthe gleichzeitig einzig
(es gibt nur eine physische Struktur) und doppelt: Sie beinhalten zugleich Ordnung und
Unordnung, Klarheit und Verwirrung, Einfältigkeit und Vielfältigkeit, Kunst und Chaos.
Man kann sie als Weg [...] oder als Muster [...] sehen. Aus der Perspektive
des Labyrinthenwanderers sind sie dynamisch, aus der Sicht des privilegierten Betrachters
statisch. Ihre Pfade sind linear, [...] ihre Muster können kreisförmig
sein."
Das vorhellenische Wort labyrinthos ist mit dem Wort labrys und mit
Doppelaxt verwandt. In die Mauern von Knossos sind Abbildungen von Doppeläxten
gemeißelt, die die Idee von Doppeltheit und Arbeit oder Mühe (labor, im
Mittelalter laborintus geschrieben) widerspiegeln. Labor als Verb heißt
fallen oder zugrundegehen, als Substantiv bedeutet es Arbeit, Mühsal, Härte. All das
findet intus innerhalb statt. Das Labyrinth hat eine
komplizierte Struktur, deren Geheimnis die Doppelsinnigkeit ist, verbunden mit dem
Erlebnis der Mühe.
Die gewundenen Wege und die Zwiespältigkeit des Erlebens verbinden das einbahnige und
vielbahnige Modell, die beide ein Zentrum besitzen. Doob schreibt: "Die meisten
Labyrinthe werden wegen oder in Subordination des Zentrums konstruiert. Labyrinthe
sind teleologisch." Das Zentrum, das statisch ist, verbirgt entweder
etwas Gefährliches oder etwas Wertvolles, auf alle Fälle etwas das be/gehütet werden
muß. Ein Labyrinth wird nach einem Plan konstruiert und die Fragmente sind, wie die
mittelalterlichen Mosaike, Teile eines größeren Ganzen. In diesem Fall ist das
individuelle Erlebnis das Fragment.
Rodney Castledon schreibt über Knossos, daß die reichlich geschmückten Mauern und
Fenster und Doppeltüren, von denen manche nur halb geöffnet werden können, ein
kompliziertes Muster von Ton, Textur und Licht bilden. Manche Korridore beginnen grandios,
um schließlich nur in kleine Zimmer oder in einen anderen Durchgang zu münden. Sie
stellen damit unseren Begriff der "Schwelle" in Frage. Und diese Struktur
unterminiert gleichzeitig unseren Begriff der Signifikation. Rationalität und euklidische
Geometrie setzen eine direkte Linie zwischen zwei Punkten voraus, zwischen dem
Bezeichneten und dem Bezeichnenden in der Sprache.
Im Christentum, vor allem im Mittelalter, symbolisiert das Labyrinth Sinnlichkeit, den
irdischen oder heidnischen Bereich. Kirchenlabyrinthe gab es in ganz Zentraleuropa, und
man nimmt an, daß zwischen ihnen und den Büßerwallfahrten ein Zusammenhang besteht. Am
Ende von Kreuzzügen mußten Büßer Bodenlabyrinthe auf ihren Knien durchqueren, die den
Weg vom Haus des Pilatus nach Golgotha symbolisieren. Das Labyrinth galt als der Bereich
der Erde und der Sinnlichkeit, den es zu durchqueren galt, um das Zentrum zu erreichen, in
dem sich die patriarchalen Symbole des Gesetzes, des sozialen Kontrakts, die die
metaphysische Ordnung darstellten.
Doch sollte nicht außer acht gelassen werden, daß das Labyrinth auch ein Ort des Spieles
und Vergnügens ist. In diesem Fall hat es wenig mit patriarchaler Transzendenz zu tun,
sondern mit heidnischer Tradition, mit Animalität und Überqueren von Grenzen. Die
römische Armee brachte die Idee des Labyrinths in der Form von Torf- oder Steinirrgärten
nach England. In Frankreich war das Laufen durch Irrgärten ein aristokratischer
Zeitvertreib. Für die Bauern des Mittelalters waren sie Orte ästhetischen Vergnügens.
[...]
Übersetzung von Helga Stalzer und
Kika Meeks Bomer.
[Textauszug! Volltext hier als RTF-Datei.] |