| Das Feuer brennt weiter Wir berieten uns, die Stadt zu
verlassen. Wir konnten uns nicht einigen. So sind wir geblieben, endet ein Text über
die Frauen der Stadt Wien, den ich für ein gemeinsames Projekt mit dem New Yorker
Bildhauer und Fotographen Bill Barrette geschrieben habe. Gut möglich, statt die Stadt:
den Staat einzufügen. Die Frauen dieses Staates hätten wahrlich genug Grund, sich
solidarisch auf Formen des Widerstandes gegen patriarchale Selbstherrlichkeit zu einigen.
Daß dies bis jetzt nur ansatzweise geglückt ist und deshalb eine Prolongierung
bestehender Verhältnisse mit kosmetischen Korrekturen seit Jahr und Tag am Programm
steht, ist eine Schattenseite. Sie verdunkelt die kleinen und auch großen Triumphe
weiblicher Emanzipation. Zu den großen zähle ich das am Ende des Jahrhunderts liegende
Frauenvolksbegehren, das erste dieser Art in einem demokratischen Europa, das, von einer
kleinen Gruppe parteipolitisch ungebundener Frauen unterschiedlichen Alters und
unterschiedlicher Lebenszusammenhänge gemeinsam ausgedacht, in die Wege geleitet und mit
einer großen Zustimmung der österreichischen Bevölkerung ausgestattet wurde. Die damit
verbundene Enttäuschung ist die konsequente Ignoranz der regierenden Parteien. Doch zu
diesen später.
Als Frau hätte ich eine ganze Menge bedeutsamster
Ereignisse in diesem zu Ende gehenden Jahrhundert zu feiern. Manche Zeitgenossinnen, wenn
auch jetzt bereits an ihrem Lebensende stehend, gehören zu den ersten Frauen, die in
Österreich das Wahlrecht bekamen. 1919 zogen die ersten acht Frauen ins österreichische
Parlament. Eine davon, Adelheid Popp, thematisierte übrigens bereits 1896 eine
Frauenquote in den Parteigremien, eine Frage, die sich als Dauerbrenner erweist. Aber die
Notwendigkeit, das Feuer für Dauerbrenner in Frauenfragen in sich zu tragen, scheint
überhaupt Teil der Frauengeschichte im Patriarchat zu sein. Während Männern (in welchen
Abstufungen oder Schritten auch immer) das aktive und passive Wahlrecht zuerkannt wurde,
mußten Frauen rund um die Welt Extrakämpfe ausfechten, Jahrzehnte und generationenlang
Energien einsetzen, bis es schließlich für sie ebenfalls möglich war zu wählen.
Während Männern seit Jahrhunderten Zugang zu höchster Bildung an Universitäten hatten,
sind gerade einmal hundert Jahre vergangen, seit die erste Frau an der Universität Wien
als Ärztin promovierte natürlich in einem doppelt so schweren Verfahren. Gabriele
Possanner hatte zwar die Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien absolviert, dieses
Reifezeugnis ermöglichte ihr aber nur den Unterricht an Volksschulen und Kindergärten.
Als Externistin bereitete sie sich auf die Matura im Akademischen Gymnasium vor, die sie
zwei Jahre nach der ersten Matura, im Jahre 1887 ablegte. Im Gegensatz zu den Knaben
mußte die Mädchen vor der Kommission Prüfungen über alle Fächer mündlich ablegen.
Allerdings enthielt das Maturazeugnis, der damaligen Rechtslage entsprechend, keine
Vermerk der Reife und damit des Zuganges zur Universität. Diese Bestimmung fiel erst
1901. Possanner war genötigt, in die Schweiz zu gehen, wo Frauen zwar studieren durften,
ihnen aber der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt blieb. Hier mußte Possanner eine
inländische Matura nachweisen, um zu den Universitätsprüfungen zugelassen zu werden. 17
Tage nach ihrer dritten Maturaprüfung legte sie bereits die erste Staatsprüfung ab. Die
Promotion erfolgte 1894. Um in der Heimat eine Praxis eröffnen zu können, hatte
Possanner aber noch einen Marathon vor sich. Zunächst mußte sie ein Gesuch an das
Ministerium für Kultus und Unterricht um Zulassung als Volontärärztin an der 1.
geburtshilflichen Klinik einreichen, dann um die Nostrifikation ihres Doktorates ansuchen,
eine Petition an das Abgeordnetenhaus um Unterstützung beim Eröffnen einer eigenen
Praxis einreichen und schließlich ein Gesuch an Kaiser Franz Joseph um gnadenweise
Zulassung als Ärztin richten. Als Folge des positiven Entscheids durch den Kaiser kam es
1896 zu einem Erlaß, daß auch Frauen ihr im Ausland erworbenes Doktordiplom
nostrifizieren lassen können. Aber selbst nun waren noch Hürden aufgebaut: Voraussetzung
einer Nostrifikation war, daß sämtliche Rigorosen und praktische Prüfungen wiederholt
wurden. Gabriele Possanner bestand alle, und am 2. April 1897 wurde sie das zweite Mal,
nun im Festsaal der Universität Wien, promoviert.
Von den Hindernissen, die Frauen auf dem Weg zur
akademischen Bildung aufgehäuft fanden, sind die legistischen inzwischen weggeräumt, der
Bildungszugang über höhere Schulen, die zum Studium berechtigen, ist beiden
Geschlechtern offen, und die Zahlen der Erstinskribierenden an den österreichischen
Universitäten zeigen, daß inzwischen mehr als die Hälfte Frauen sind. Statt an klar
ersichtliche Hürden stoßen Frauen aber nun an die gläserne Decke, die den
Aufstieg im akademischen Wissenschaftsbetrieb so zu beeinflussen vermag, daß trotz der
hohen Studentinnenzahlen der Frauenanteil in der Professorenschaft noch immer nur 4%
beträgt.
Der erste Schub der Frauenbewegung, die Grundlagenrechte
wie das Wahlrecht oder Zugang zur Bildung forderte und auch erkämpfte, wurde durch die
diktatorischen Regime des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus isoliert, und es
dauerte bis in die 70er Jahre des Jahrhunderts, daß eine neue emanzipatorische Bewegung
aus dem Schatten bürgerlich-christlicher Spießer- oder Demutshaltung aufbrach. In
Österreich war der Umbruch nach 68 durch die StudentInnenrevolten recht maßvoll. Der
Amtsantritt Kreiskys ermöglichte ein Klima der Neugier und auch des Respekts vor
emanzipatorischen Bewegungen. Emanzipation war damals ein Begriff, zu dem sich die
SozialistInnen noch hingezogen fühlten, während die meisten SozialdemokratInnen heute
das Wort wie ein historisches Relikt zurückgelassen haben. Der Aufbruch begann in den
70ern. Und dann war die Frauenbewegung wieder da. Und sie war provokant und klein und
äußerst mutig. Zwischendurch in Latzhosen. Das Ich bin das kleine Mäderl, das wartet
auf den Ederl-Spiel wurde von den Feministinnen als Rollenbild abgewunken, das
Umsetzen des Ausstiegs aus den althergebrachten Rollen fiel manchen im eigenen Leben
schwerer. Es ging ja schließlich bei der Frauenpolitik immer um zutiefst ideologische
Gesellschaftspolitik, bei der es weder eine Aus-Zeit noch ein Aus-Feld gibt. Das
Private ist politisch riefen die Demonstrantinnen und meinten damit, daß sie zwar die
Kinder auf die Welt bringen durften, aber im Falle des Todes des Kindsvater die Mutter
keineswegs automatisch zum Vormund ihres Kindes wurde, sondern der Staat die
unverzichtbare Vater-Rolle einnahm. Sie meinten damit, daß man sie als alleinstehende
Mütter zwar im Stich ließ, weder Kinderbetreuung noch finanzielle Absicherung vom Staat
in lebbarem Ausmaß angeboten wurden, der Staat sich aber anmaßte, mitzubestimmen, daß
Frauen jedenfalls ihre Schwangerschaften auszutragen hatten. Sie meinten damit, daß
Gewalt zwischen einander unbekannten Menschen in der Regel zu einer gerichtlichen
Verfolgung mit Verurteilung des Schuldigen führen konnte, die Gewalt der Männer gegen
ihre Frauen zu Hause in der Regel aber verschwiegen und, falls sie überhaupt vor Gericht
kam, freigesprochen wurde. Das Private ist politisch war der empörte Schrei von
Frauen, die ihre politischen Anliegen als Privatinteresse diffamiert fanden.
Und dann kam Johanna Dohnal und heizte ein: den
Unverbesserlichen der Männer, die nach traditionellen Rollenvorstellungen die Frauen
gerne zu Hause am Herd und bei den Kindern und zu pflegenden Älteren sahen. Den
Unverbesserlichen der Frauen, die glaubten, daß, wenn sie sich nur gut genug anpaßten
oder nur wenig genug auffielen, ihnen nichts passieren und sie vom bestehenden System
profitieren könnten. Und den eigenen ParteigenossInnen. Wie Adelheid Popp. Bloß im 20.
Jahrhundert und mit unserem Blick auf Zahlen.
Und dann kam der Erfolg mit Dohnals erzwungenen
legistischen Änderungen und dem Aufblühen feministischer Kultur- und Kunstgruppen und
ihrer unglaublichen Bereicherung für das gesellschaftliche Leben, selbst für jene, die
soetwas prinzipiell nicht wahrnehmen und nur die Transformationen weiter weg vom Ursprung
erfahren. Die Bedingungen für die feministische Bewegung waren nie wirklich gut:
Feminismus wurde in den Medien gerne als Selbstüberhöhung von Frauen, die alle Männer
kastrieren wollen, dargestellt, Feministinnen wurden als häßlich und hysterisch
beschrieben, und wenn eine Feministin sympathisch wirkte, vergaßen die Medien selten den
Beisatz Emanze ist sie keine, so als rette man ihre Ehre mit dieser Distanzierung.
Feminismus war spannend, weil das Establishment von den versprengten Töchtern erzählen
konnte, deren Exaltiertheit geradewegs zur Verbannung ins Höhere Töchterinstitut führen
würde. Zum Glück hatte die erste Frauenbewegung bereits eine Vielzahl von bürgerlichen
Rechten auch für die Frauen erkämpft, und die feministische erkämpfte weitere. Aber es
war mühsam, und im Establishment tauchten neue Gesichter auf. Ein Zuzug der Banker,
Großgrundbesitzer, Wirtschaftswissenschafter in die erste Reihe der Schulklasse
veränderte die Lehrinhalte. Begriffe wie Frauengleichberechtigung, emanzipatorische
Bewegungen oder gar Solidarität wurden in den Appendix des Wörterbuches der Politik
verbannt. Nur in manchen Niederungen der SPÖ-Sektionen scheint man noch die alten Bücher
zu benützten.
Weg mit der Solidarität, mit der Frauengleichberechtigung,
mit Emanzipation in den 90ern. Die Frauenbewegung war immer besonders spannend, weil sie
so bunt war. Anders formuliert: ihre Heterogenität verhinderte zwar, daß sie zentral
bedroht und demontiert werden konnte, behinderte aber öfter auch ein gemeinsames
Auftreten. Eine Feministin und eine Frau der katholischen Frauenbewegung mögen sich
darüber einig sein, daß einer Frau, die mit Kinder zu Hause bleibt, Respekt gebührt und
ein dem Respekt entsprechender finanzieller Ausgleich. Wahrscheinlich sind sie
unterschiedlicher Meinung darüber, ob diese Person nun immer genau die Mutter zu sein hat
oder nicht auch der Vater zeitlich umfangreiche Versorgungspflichten vor Ort übernehmen
sollte. Hier wird der willige Vater einwerfen, daß dies aus finanziellen Gründen gar
nicht ginge, weil er einfach mehr verdient als die Kindesmutter. Und da hakt die
feministische Kritik wieder ein. In Österreich
funktioniert der Protest so lahm, weil er gestattet ist. Wenn man´s anmeldet, kann man
jede Woche die Mariahilfer Straße als Schauplatz für seinen Protest nützen. Zuletzt,
als dies im Kosovo-Konflikt für die Kaufleute lästig war, meldeten sie eben selbst mit
Unterstützung Demonstrationen an. Es muß ja keiner mitgehen. Vor allem in Österreich
nicht. Eine Demonstration auf der Straße gilt inzwischen als recht altmodisch. Erlaubt
ist sie, aber bringen tut sie nichts was der springende Punkt ist. Sagte Kaiser
Ferdinand noch: Ja dürfen´s denn das?, gilt heute: Na das dürfen sie schon!.
Mit einer Betonung auf dem das. Der Protest wird artikuliert, die Argumente auf die
Straße oder auf Papier geworfen, eine Form von Aufmerksamkeit erreicht. Und dann folgt
das Warten.
Das kann lange dauern. Vor allem für die Frauen. Seit in Österreich die große Koalition regiert und sich zwei
Parteien gefunden haben, die um den Platz in der Mitte buhlen, ist eine Entwicklung
eingetreten, die mit dem häßliche Wort Backlash bezeichnet wird. Konkreter müßten man
in manchen Bereichen von sozialpolitischen Rückschritten sprechen. Engagierte
Entwicklungen, die von der Frauenbewegung nicht bloß der österreichischen
ausgelöst wurden, kamen ja nicht bloß ins Stocken, sondern wurden teilweise
zurückgenommen. Das Sparpaket 96 traf vor allem Frauen: das Karenzgeld wird von zwei auf
eineinhalb Jahre gekürzt, Alleinerzieherinnen müssen, um das erhöhte Karenzgeld zu
erhalten, den Kindesvater benennen; Frauen, die keinen Kindergartenplatz fürs Kind
bekommen und nicht in die Lohnarbeit zurückkehren können, erhalten keine
Sondernotstandshilfe; die Geburtenbeihilfe fällt weg; ebenso die Familienbeihilfe bei
Studentinnen, die aufgrund der Mutterschaft länger studieren; Pflegegeld gibt´s weniger,
bei der Notstandshilfe gelten längere Anwartschaften. Um die Kinderbetreuungsplätze zu
erhöhen und die eklatanten Nachteile des Sparpaketes in diesem Punkt zu relativieren,
wurde eine Kindergartenmilliarde versprochen. Heraus kamen schließlich unfaßbare
600.000,- Schilling. Dies alles auf der Grundlage, daß Frauen in Österreich 1997 Frauen
immer noch bis zu 43 % weniger als Männer verdienten. Männer
hatten (und haben) eine Lobby, und sie saß in den Entscheidungsgremien des Staates.
Frauen hatten keine Lobby, die Politiker und Politikerinnen verkauften die
Fraueninteressen angesichts des zu schnürenden Sparpakets. Sozial Schwächere mußten
ihre Opfer bringen, das Bild von der Mütterlichkeit, das Frauen zurück ins Haus
verweist, wurde als große Illusion wieder beschworen. Politiker aller Couleurs waren sich
einig im Wunsch, daß Frauen bei ihren Kindern bleiben können sollten. Es fiel ihnen
leicht auszublenden, daß es bei dieser Politik selbst jene, die es sich wünschten,
schwer hatten. Aus dieser bedrückenden und verlogenen Situation heraus fanden sich
wiederum Frauen zusammen, denen es reichte, die ihre Wut über das selbstherrliche System
weder hinunterschlucken wollten noch konnten. Es waren Frauen, die aus unterschiedlichen
Lebenszusammenhängen kamen, Frauen, die sich durch Slogans wie Frauen sollen die
Arbeit und die Kinderbetreuung unter einen Hut bringen können, nicht bloß vertreten,
sondern vor allem provoziert fühlten. Von einer gesellschaftlichen Teilung der Arbeit, zu
der auch die Kinderbetreuung zählt, wurde und wird in der Parteipolitik allerortens schon
wieder zu lange geschwiegen. Wieder einmal schafften es Frauen, aus dem bloßen Wollen
heraus, die Energie aufzubringen, eine Gemeinschaft zu bilden. UFF, das
UnabhängigeFrauenForum, konstituierte sich schließlich als Verein, um ein
Frauenvolksbegehren zu relevanten Punkten der gesellschaftlichen Situation von Frauen in
Österreich durchzuführen. Diese kleine Gruppe von Frauen erarbeitete in ihrer
spärlichen Freizeit eine Logistik und das Lobbying für die öffentliche Diskussion von
11 Punkten auf der Basis der Forderung Die Gleichstellung von Frauen und Mädchen
ist im Bundes-Verfassungsgesetz zu verankern. Die Republik Östereich (Bund, Länder und
Gemeinden) verpflichten sich damit zum aktiven, umfassenden Abbau der Benachteiligung von
Frauen. Die tatsächliche Gleichberechtigung ist insbesondere durch folgende gesetzliche
Maßnahmen herzustellen in denen Maßnahmen zur Gleichstellung in wirtschaftlichen
und sozialen Belangen in Österreich formuliert sind. Und sie erreichten es durch
Überzeugungsarbeit mit allen politischen Parten außer der FPÖ, daß 23 Abgeordnete im
Nationalrat durch ihre Unterschrift (8 sind nötig) die Einreichung des
Frauenvolksbegehrens im Innenministerium am 29. November 1996 ermöglichten. Das
Bekanntmachen der Positionen, die Aufklärungsarbeit gegenüber den Menschen lag allein in
der Hand des UFF und seiner Geschicklichkeit und seiner Energie, Unterstützung zu finden.
Wer sich hier einklinkte, wer unterstützte, wer dagegen positioniert war, ist in Traude
Kogojs Buch Lauter Frauen. Hintergründe und Perspektiven des Frauenvolksbegehrens,
1998, detailiert nachzulesen. Ebenso die Gruppe der Aktivistinnen, die sich fast zur
Hälfte aus Alleinerzieherinnen zusammensetzte, ein Drittel der Frauen hatte kein eigenes
Einkommen, war Nur-Hausfrau style="font-style:normal">, arbeitslos,
pensioniert oder geringfügig beschäftigt. Ein Drittel war angestellt, ein weiteres
Drittel freischaffend. Die Frauen traten ohne Kapital außer der eigenen Kraft an, für
manche bedeutete die Mitarbeit mit ihrem großem zeitlichen Aufwand einen Gang an die
Grenzen der finanziellen Reserven. Der Erfolg des Frauenvolksbegehrens, das im April 1997
von 644.977 Österreicherinnen und Österreichern unterschrieben wurde, ist inzwischen
bald drei Jahre historische Tatsache. Ebenso die Ankündigungen von Politikern und
Politikerinnen zur Umsetzung der Forderungen. Bundeskanzler Klimas Versprechen: das
Frauenvolksbegehren wird Punkt für Punkt umgesetzt vom 21. April 1997 harrt noch
immer der Einlösung. Denn kein einziger der Punkte wurde umgesetzt. Obwohl es zur
Behandlung des Frauenvolksbegehrens im Parlament kam und die UFF-Frauen mit immer
erneuerter Energie Aktionen um Aktionen setzten, um der Willenskundgebung der Bevölkerung
Gehör und Erfolg zu verschaffen, hat sich das männliche Establishment die Privilegien in
der Gesellschaft nicht aus der Hand nehmen lassen. Noch immer leisten die Frauen
gesamtgesellschaftlich mehr Arbeit und besitzen und verdienen nur einen empörend
kleineren Teil des Wohlstandes. Die Strategie der Herrschenden ist dieselbe geblieben: Wer
kritisiert, darf reden. Punkt. Damit hat es sich. Und weil das Damit-hat-es-sich in
bezug auf die Frauen so flächendeckend übers ganze Jahrhundert gilt, ist das
Frauenvolksbegehren für mich trotz der Enttäuschung, die das lange Warten auf eine
Umsetzung der Forderung auslöst, ein großer Lichtblick. Frauen werden weiterhin nicht
schweigen. Die Gleichberechtigung der Frauen ist das große soziale Anliegen der
Gegenwart, es betrifft schließlich mehr als die Hälfte der Menschen in diesem Staat. Das
Einfordern der Rechte war noch nie so massiv, wie es mittels des Frauenvolksbegehren
wurde. Es wurde von Frauen und auch Männern unterstützt. Daß die Gleichberechtigung der
Frauen wieder zum Thema wurde, ist nicht den situierten Parteien zu verdanken, sondern
einer kleinen Gruppe von Frauen. Danke, ihr Frauen, und uff ins nächste Jahrhundert.
Erschienen als Artikel der
PRESSE-Sonderbeilage zur Jahrtausendwechsel im Dezember 1999. |