Das Spiel geht nach
hinten los.
Über die Figur der Feldmarschallin in Hugo von Hofmannsthals "Der
Rosenkavalier"Die Fürstin von Werdenberg
wird überall Feldmarschallin genannt einen Titel, der vom Rang ihres Ehemannes
abgeleitet ist. In Hofmannsthals Libretto rund um Verwechslung und Begehren tritt sie als
Fadenzieherin für einen Brauch auf, unter dem sie selbst zu leiden hat. Schließlich ist
auch sie als junges Mädchen "frisch aus dem Kloster in den heiligen Ehstand
kommandiert word`n". Ihr Gatte zieht mittlerweile aber die Jagd dem Ehegemach vor
und der Feldmarschallin passt das so, denn das gibt ihr Gelegenheit, ihren
Liebhaber Octavian zu empfangen. Andeutungen lassen vermuten, dass dies nicht ihr erster
Ausritt aus einem unbefriedigenden Eheleben ist. So also hat sie sich mit der Situation
arrangiert und beteiligt sich an der Perpetuierung des Systems. Octavian ist sehr jung und
sie erfahren genug, das Ablaufdatum seiner Begeisterung zu bedenken. Denn während er
morgens noch durchtränkt von seiner Leidenschaft für sie jubiliert, wird er wenig
später schon einer anderen Frau, die er eben erst getroffen hat, Liebe für alle Ewigkeit
schwören. In ihrer Zärtlichkeit für ihn ist die Marschallin hellsichtig. "Mein
Bub" als Kosename befremdet ebenso, wie er rührt. Denn dass es ihm an Erfahrung
fehlt und er deshalb so neugierig sein wird, wie die Jugend es sein soll und muss, all
diese Erkenntnis steckt in ihrer Zärtlichkeit.
Das Bild, das sie von den Männern hat, ist
desillusioniert. Und sie warnt ihren Octavian, "sei Er nur nicht so, wie alle Männer
sind". Was sie meint, versteht der Junge nicht, empfindet die Belehrung aber als
Kränkung. Ist er denn nicht ein Mann? Und wie viele Männer hat sie schon so erkannt wie
ihn? Die Erklärung spart sich die Feldmarschallin. Tut sie es, weil ihr die Vision fehlt,
was anders sein könnte? Sie ist so sehr Geschöpf ihrer Gesellschaft, dass sie nur das
Repertoire der Konvention bedient und damit spielt. Octavian als Rosenkavalier für den
anmaßenden und übergriffigen Baron von Lerchenau vorzuschlagen, scheint übermütig. Nun
spielt sie mit dem Baron, aber sie spielt genauso mit Octavian, dem gegenüber sie trotz
des Begehrens damit auch eine Aggression auslebt. Schließlich wird er sie verlassen,
dessen ist sie sich sicher, für eine, die jünger und schöner ist als sie. Ihren Hader
mit dem Altern trägt sie mit sich allein aus. Zwar fühlt sie sich eine der
berührendsten Stellen im Text immer noch als die Gleiche, die sie als "kleine
Resi" einmal war, aber der Spiegel zeigt ein anderes Gesicht, und in ihrer
Vorstellung sieht sie sich schon als "die alte Fürstin". So beginnt sie aus
Angst bereits die Liebe Octavians abzuwehren, als er noch ungeteilt nur ihr zugetan ist,
und seine kindlichen Tränen, sein Beharren darauf, dass sie ihm gehöre, animiert sie zur
fatalen Idee, "Jetzt muss ich noch den Buben dafür trösten, dass er mich über kurz
oder lang wird sitzen lassen." Hier inszeniert Hofmannsthal eine Männerphantasie: in
einer Frau gleichzeitig die Geliebte und die verständnisvollste Mutter zu finden. Nur
dass diesmal die Frau selbst sich den Weg schon weist.
Abgeklärt versucht sie zu sein, die Feldmarschallin, und
sich selbst sagt sie es, wie man sein muss: "mit leichtem Herz und leichten Händen
halten und nehmen, halten und lassen ..."
Sie versucht, nach dieser Maxime zu leben, und als ihr
dummes Spiel mit dem Rosenkavalier nach hinten losgeht, weil Octavian sich stante pede in
die für den Baron zu gewinnende Braut verliebt, bleibt sie dabei. Großzügig ermuntert
sie Octavian, seiner neuen Liebe zu folgen. Ihre Bitterkeit blitzt nur auf, ihre Tränen
schimmern durch, wenn sie sich selbst gemahnt, dies alles mit gefasstem Herzen tragen zu
wollen. Denn "das alles kommt halt über jede Frau", heute oder morgen oder den
übernächsten Tag. Dem Mädchen, das so schnell das geliebte Herz gefangen hat, begegnet
sie gütig, wenngleich der Satz "Red sie nur nicht zu viel, sie ist ja hübsch
genug" doch etwas herablassend und geringschätzig wirkt. Andererseits: Sie liebt an
Octavian die Jugend und seine Schönheit ebenfalls mehr als seinen Geist.
Alles, was die Marschallin befürchtet hat, ist am Ende des
Stückes eingetroffen, und wenn sie auch traurig ist, so doch nicht gebrochen. Sie
bestimmt die Schicksale aller Beteiligten zum Vorteil des Liebespaares und der Verzicht
ist ihr größtes Geschenk an den Geliebten. Ihn einmal noch kurz wütend nun als
"rechtes Mannsbild" zu bezeichnen, trifft dabei weniger sein Unvermögen, ihr
treu zu sein, sondern gilt mehr seiner Einfalt. Zu fragen, was sie denn habe, angesichts
der für sie so unerfreulichen Situation ist wahrlich eine Gipfelleistung an Naivität!
Octavians Unbehagen, zwischen jenen Frauen zu stehen, denen er beiden seine Leidenschaft
beteuert hat, kann nur durch die Zustimmung der Feldmarschallin zur neuen Liebe vertrieben
werden. Und im Gegensatz zu ihm, der das Versprochene so schnell vergisst, bleibt sie
ihren Absichten treu. Dass sie trotzdem in der so genannten "Komödie"
Verliererin ist, legitimiert sich schließlich dadurch, dass sie, selbst Betrügerin,
trotz ihrer Selbstzweifel dem Irrtum unterliegt, ein Spiel mit den Menschen treiben zu
können. |