Elisabeth Bronfen:
Sylvia Plath.
Aus dem Englischen von Andrea Paluch und Robert Habeck. Frankfurter Verlagsanstalt,
Frankfurt 1998, 220 Seiten. Und Ted Hughes: BIRTHDAY LETTERS. Frankfurter Verlagsanstalt,
Frankfurt 1998, 206 Seiten.Sylvia Plath gilt als
Paradebeispiel innerhalb einer bestimmten weiblichen Literaturgeschichte: hochtalentiert
und auch ehrgeizig, starb sie bereits in jungen Jahren, nachdem erste Erfolge auf ein
großes Werk hoffen ließen. Die Tatsache, daß sie sich selbst tötete, erhöhte das
Interesse sowohl an der Autorin wie auch an ihrem Werk. Die Radikalität der Gedichte von
Plath, in denen gerade auch der Tod immer wieder thematisiert wurde, fasziniert eben, so
wie überhaupt radikale Texte jung(verstorben)er Autorinnen und Autoren eine nachhaltige
Beschäftigung mit Werken evozieren, die ihre Reife nicht gewinnen konnten. Der Phantasie
der Lesenden sind keine Schranken gesetzt, wie sich dieses Werk noch hätte entwickeln
können. Über das Leben von Plath gibt es bereits einige ausgezeichnete Bücher, etwa die
Biographie von Linda Wagner-Martin, und Bronfen hat sich und uns erspart, diesen Büchern
nur ein weiteres hinzuzufügen. Sie stellt die Texte der Plath in den Mittelpunkt ihrer
Betrachtungen und Analysen und widmete sich der Wirkungsgeschichte von Autorin und Werk.
Das, was sie nicht macht, ist, fundierte Hintergrundinformation über Plath zu liefern,
weshalb das Buch eher für Plath-Fortgeschrittene interessant ist. Bronfens Versiertheit,
zu den Themen Tod, Weiblichkeit und Mythos Fragen zu stellen, die über reine Klischees
hinausgehen, die Klischees aber nicht ausblenden, garantiert eine packende Lektüre.
Bronfen äußert sich auch über Ted Hughes, den Ehemann
und Auslöser jener letzten Verzweiflung, die den Selbstmord von Sylvia Plath bewirkte,
und widmet seinem zuletzt erschienen Buch, Birthday Letters, eine Würdigung. Hughes
vertritt die Meinung, daß die Spekulationen über Sylvia mehr als die Fakten über sie
angenommen und gebraucht würden. In diese Kerbe schlagen auch andere von Bronfen zitierte
Autoren, die meinen, daß die Lesenden Plath in eine romantische Rolle einer Zerrissenen
zwischen öffentlichem Erfolg und persönlichem Unglück stellen, eine Rolle, die ihre
eigenen Phantasieszenarien auffüllt. Mehr noch, Plath wurde zugeschrieben, daß sie in
ihrem Ehrgeiz nach literarischem Ruhm eine Rolle kreierte, die mit dem Tod so lange
liebäugelt, bis ihr die Inszenierung aus den Händen glitt. Der Selbstmord bedeutete zwar
die Erfüllung dieser Rolle, jedoch auch das vollkommene Scheitern als Regisseurin, nach
deren Willen sich alles formen läßt. Bronfen läßt die Theorie nicht unerwähnt, daß
in unserer westlichen Kultur weibliche Autorenschaft sozialen und psychischen Zwängen
unterworfen ist und Textkörper häufig nur deshalb überleben, weil die Schriftstellerin
sie nicht überlebt. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Tagebuchwerk von Plath,
das teilweise zugänglich ist und in dem ein starker Drang nach Selbstaufgabe zu lesen
ist; ebenso übrigens wie ein heftiges Verlangen nach persönlicher Anerkennung und
öffentlichem Renommee.
Plath, die, vom frühen Tod des Vaters, sie war erst acht,
traumatisiert, diesen Vater auch immer wieder in ihrer Literatur und in ihren Wünschen
beschwört, verfolgte das Ziel der Veröffentlichung ihrer Texte. Sie wollte von ihren
schriftstellerischen Arbeiten leben und sehnte sich nach einem Ich, das von allen Zweifeln
befreit ist. Doch die Selbstmordphantasien (der zum Tode führende Selbstmordversuch war
bereits der zweite, den sie verübte, nach dem ersten war sie, wie es in den fünfziger
Jahren in den USA üblich war, mit Elektroschocks "therapiert" worden) stellten
sie vor die Aufgabe, ein kompletter Mensch zu werden mit all diesen Widersprüchen. Sie
suchte diese Erlösung auch in der Beziehung zu dem bereits erfolgreichen Schriftsteller
Ted Hughes, der als Liebesobjekt auch Vater und Mutter ersetzen und endlich Sicherheit
bringen sollte. Diese enormen Ansprüche verursachten selbstverständlich auch
Enttäuschungen. Wann immer Plath den bedingungslosen Glauben an einen anderen verlor,
quälte sie Selbstekel, sich diesem anderen bedingungslos anvertraut zu haben. Bronfen
untersucht, wie weit das Muster der Hysterikerin auf Plath paßt, weil diese die Frage der
Identität letztlich unentschieden läßt und zwischen den unterschiedlichen
Selbstentwürfen, die jedoch alle nur als Konstrukt existieren, oszilliert. Auf
Spurensuche in den Texten findet sich manches Indiz für diese Vermutung. Auch die
Heimatlosigkeit der Dichterin wird angesprochen. Die Vorfahren der Schriftstellerin waren
aus Europa eingewandert, und deutsche und österreichisch-jüdische Wurzeln finden sich in
dieser Amerikanerin, die nach England auswandert und überall die größten Anstrengungen
macht, um anerkannt zu sein. Für Bronfen ist dies der Hintergrund, warum Plath der
Anerkennung anderer so dringend bedurfte, um sich ihrer selbst zu versichern und das
Gefühl zu haben, daß sie wo dazugehört. Tief in ihr wäre das Gefühl gesessen,
nirgendwo dazuzugehören. Bronfen wehrt sich dagegen, daß der poetische Umgang von Plath
mit der Last von Geschlechterrollen, Tradition und familiärem Erbe auf die bloße Frage
nach Authentizität reduziert wird, sondern plädiert für die Anerkennung ihrer
Fähigkeit, ihre traumatischen Erfahrungen der Wechselwirkung von Tod und Leben poetisch
zu formulieren. Bronfens detailreiche Interpretation der Texte von Plath geben daher auch
dieser Sichtweise den Vorzug. Sie verabsäumt aber nicht, die Schwierigkeiten
herauszustreichen, die in der Darstellung der Autorin auftauchen: neben der Stilisierung,
die Plath selbst durch ihre Texte betrieben hat, produzierte die tendenziöse Darstellung
durch die Nachlaßverwaltung jene ambivalente und inkonsistente Figur, die so geeignet ist
für den ideelen Entwurf einer zwanghaften Selbstvernichtung kunstbegabter Frauen.
Ted Hughes, im vergangenen Oktober 69jährig gestorben, hat
es in England immerhin bis zum Poeta Laureatus (Hofdichter) gebracht (was allerdings auch
mit der Verpflichtung zu Preisgedichten auf die königliche Familie verbunden ist). Als
Erbe und Nachlaßverwalter von Sylvia Plath bestimmte er den Zugang zu den Dokumenten, von
denen vor allem die Tagebücher größtes Interesse gefunden haben, und er war Herausgeber
von Teilen dieser Werke. Hughes war nach einer langen Zeit der Ablehnung, überhaupt über
Plath zu sprechen, zuerst Ende der sechziger Jahre bereit, über ihr Werk zu
reden/publizieren. Er entwickelte dabei ein Bild von ihr, in dem er sowohl ihre Kunst wie
auch ihr Leben als eine Vorbereitung auf die letzten Monate beschreibt. Während sie sich
davor immer hinter Masken verborgen hätte, wäre dann das Ursprüngliche, das Echte
hervorgetreten. Warum eine Person, die endlich zu sich selbst gefunden hat und zur vollen
Künstlerin gereift ist, dann Selbstmord begehen soll, beinhaltet seine Analyse nicht. Und
auch in dem zuletzt erschienen Buch, "Birthday Letters", in dem der Dichter sein
Schweigen bricht und sein Leben mit Sylvia Plath literarisch bearbeitet, klingt wieder der
Selbstmord als tragische Ergänzung einer Selbstfindung mit, während der eigene Anteil an
der letzten, auslösenden Verzweiflung jene Masken angelegt hat, die Hughes Plath
zuschreibt. In narrativem Stil wird hier eine leidenschaftliche Liebe beschworen, die sich
in düsteren Szenarien wiederfindet. Bereits in der ersten beschriebenen Begegnung wird
Sylvia als Gezeichnete beschrieben, und im Gedicht "Rugby Street 18" wird uns
mitgeteilt, daß ein Stern Hughes gewarnt hätte, die Finger "davon" zu lassen.
Als Leidender, dessen Handlungen so große Emotionen auslösen, daß er unschuldig das
Leben einer hochkomplizierten, wenngleich wunderbaren Frau nicht festzuhalten imstande
ist, so steigt Hughes aus den Gedichten hervor. Die Morbidität, die in diesen Gedichten
aus Plath hervorbricht, denunziert sich schon deshalb als phantasierte, weil ein Mensch
mit dieser Todeszwangsvorstellung niemals dreißig Jahre alt geworden wäre. Es scheint
viel mehr Hughes Schrecken über den Tod der von ihm verlassenen Frau, deren Ängste und
Konsequenz er gut kannte, in diesen Gedichten gespiegelt zu sein. Sicher sind diese
Gedichte auch als ein Versuch zu sehen, sich zuletzt noch von der Schuld freizuwaschen,
die nicht nur andere in seiner Rolle gegenüber Plath sehen, sondern gewiß auch er
selbst. Das Du der Gedichte ist Sylvia, und so gelingt es ihm, jenes Bild von ihr
niederzuschreiben, das eine unheilbar Erkrankte vermuten läßt. Seine Versuche, gegen die
Bilder des toten Vaters anzukämpfen, zeigen sich als vergeblich. Erneut wird hier also am
Mythos gewebt, und wer könnte autorisierter sein als jener Mensch, der der Toten am
nächsten stand?
Andererseits: Daß die Tagebuchaufzeichnungen, die sie in
jenen Wochen des Verlassenseins bis zu ihrem Selbstmord geschrieben hat, von ihm
vernichtet worden sind, disqualifiziert ihn als den Berichterstatter unseres Vertrauens.
Mehr noch, angesichts der Wiederholung tradierter Muster, daß nämlich der Mann für die
Frau spricht, deren Tod auch in seiner Verantwortung liegt, relativiert sich der Wert der
Gedichte von Hughes als Erhellung eines Mythos. Und zuletzt sollte nicht vergessen sein,
daß die Gedichte von Plath mit ihrem erzählerisch beschwörenden Charakter, deren Duktus
Hughes hier aufnimmt, das Original sind, während Birthday Letters im - erzwungenen -
Vergleich dazu epigonenhaft anmuten. Vermutlich sollte das Aufnehmen des Plathschen Stils
eine Würdigung und Verbeugung vor der Toten sein. Die erfolgt nur 35 Jahre zu spät.
Widerlich wirkt auch die Bewerbung des Buches durch den Verlag im Klappentext, wo
genüßlich The Times zitiert wird mit der hochtrabenden Formulierung, Ted Hughes
beschreibe in diesen 88 Gedichten die "tragischste Liebesgeschichte unserer
Zeit". Die Menge der "tragischsten Liebesgeschichten" unserer Zeit, die
dadurch vergleichbar sind, daß Männer überleben und Frauen sterben, ist Legion. Diese
"tragischste Liebesgeschichte" ist sogar so häufig, daß sie nicht einmal in
Ted Hughes Leben singulär blieb. Die Frau, deretwegen er Sylvia Plath verlassen hat, hat
schließlich ebenfalls ihrem Leben im Selbstmord ein Ende gesetzt. |